Papagayo Camale�n  
Pivian exchange Florianópolis Portugiesisch Sprachreise, Portugiesischkurs und Portugiesischschule
    Spanischkurse     Portugiesischkurse     Quechuakurse     Praktika     Freiwilligenarbeit     Reiseservice     Community     Über Uns Dienstag, der 21. November 2017  
Pivian Community
Seite merken
Garantien für deine Reise

Brasilianische Lebenskunst: Der "jeitinho"

Brasiliens Sozialforscher Roberto DaMatta sieht im "jeitinho" den Grundbegriff zum Verständnis seiner Heimat. Der "jeitinho" sei sozusagen die Synthese der Unvereinbarkeit. Brasilien sie hin und hergerissen zwischen den äusseren Gesetzen und Normen der Zivilisation und zwischen den Bedürfnissen der privaten Personen. Und mit dem "jeitinho" versuche man immer wieder den Abgrund zu überbrücken. In Nordamerika oder Nordeuropa, so DaMatta, gebe es gesellschaftliche Regeln, Verbote und Gebote - und die werden beachtet. Was verboten ist, ist verboten - oder besser: was nicht verboten ist, ist erlaubt. Punkt aus. In Brasilien gilt wohl eher: es ist alles erlaubt, solange es nicht ausdrücklich verboten ist - und wenn es verboten ist, gibt es vielleicht einen "jeitinho", das Verbot zu unterlaufen?

DaMatta erläutert den Wirkungsweise des "jeitinho"an einem Idealfall: Ein Brasilianer kommt in ein Amt und macht eine Eingabe. Dem Amtsinhaber ist der Antragsteller unbekannt. Seine erste Reaktion ist Ablehnung, Verzögerung. Ganz nach dem deutschen Beamtenmotto: Haben wir nicht, kennen wir nicht, haben wir nie gemacht. Und im übrigen gälten die Gesetze und Bestimmungen, das sei alles kompliziert und dauere ewig. Am besten wäre es, der Antragstseller nähme seinen Antrag zurück oder gehe zu einem anderen Amt.

Auf diese Reaktion hat der brasilianische Antragsteller nur gewartet. Er wendet nun den "jeitinho" an, und der besteht im wesentlichen darin, die Gegensätze aufzulösen, die Konturen zu verwischen und vor allem die harte Konfontration zu entschärfen. Das geschieht meist durch die Suche nach einem "kleinsten gemeinsamen Nenner" mit der Amtsperson. Zum Beispiel könnte der Petent herausfinden, dass der Beamte den gleichen Namen trägt, aus der gleichen Ecke Brasiliens stammt, den gleichen Wagen fährt, ebenfalls Anhänger seines Fußballvereins ist oder der Fan seiner Samaschule usw. usf. Ist ein solcher kleinster gemeinsamer Nenner erst einmal gefunden, kommt man schon weiter. Antragssteller und Amtsinhaber kommen sich näher, sind am Ende sogar fast so etwas wie verwandt, haben die gleichen Hobbies, Schicksale oder Krankheiten. Wunderbar! Darüber kann man reden - und nebenher auch mal auf diese verdammte, leider etwas missliche, im Grunde lästige Eingabe zurückkommen.

Ein Wort gibt das andere, ein cafezinho kommt dazu, man kommt so recht ins Plaudern und das brasilianische Gefühl der Nähe und Gemeinsamkeit stellt sich ein. Dann ist der Antrag, der Stempel, die Unterschrift nur noch eine Formalität, Gesetze und Vorschriften hin oder her. Man hat es doch mit einem amigo, Kollegen, Landsmann zu tun! Mit einem Wort: in Brasilien ist es wichtiger, (wichtige) Leute zu kennen als die Gesetze.

[...]

Brasilianer, Beruf: Optimist. "O jeito de ser brasileiro", heisst es: der Trick, ein Brasilianer zu sein. Doch der Optimismus der Brasilianer ist ein anderer als der der Yankees. Denn im Grunde glaubt kein Brasilianer an die Machbarkeit der Welt, er glaubt nur daran, sich erst mal vor dem Unheil zu retten. Das reicht. Denn wer weiss schon, was morgen kommt?

Das ist nicht die Lebensphilosophie eines jungen Volkes. Denn darin steckt die Erfahrung von Niederlagen. Der "jeito brasileiro" ist purer Existentialismus, die Erkenntnis dass man am Lauf der Welt nichts ändern kann. Was bleibt, ist die Suche nach einer provisorischen Lösung, nach einer ruhigen Nische. Die Nische seiner Existenz ist der jeito, in ihr fühlt sich der Brasilianer zu Hause.

Es ist die Weisheit der Sklaven, die im Blute der Brasilianer steckt. Der Aufstand, die Revolte gegen den Zustand der Welt, führt zu nichts. Aber der Widerstand im Geringen, im Kleinen, die schweijksche Dummerhaftigkeit, die Schlauheit, Gebote und Befehle zu unterlaufen, die Partisanentaktik des Alltags - sie öffnen dem kleinen Mann den Freiraum, den er durch Aufgebehren nicht bekommt. Der Jeito ist die Schmiere, die Brasilien vor dem sozialen Kolbenfresser bewahrt.

[...]

"Mein Bruder", "Kollege", Herzchen"oder "Herr Nachbar"- solche Anreden verraten sofort, dass der sie Aussprechende einen jeitinho plant, oder sich zumindest anmeiert, um etwas zu erreichen. Wer aber formale Anreden wie "Herr Doktor da Silva"oder "Sehr geehrter Herr President" wählt, der ist auf Konfrontation aus, der signalisiert damit Kampfbereitschaft bis hin zur physischen Aggression. Einen jeitinho geht man so nicht an. Reden, reden, reden, Kulturschock Brasilien von Carl Goerdelerum nicht entscheiden zu müssen, vor allem aber auch, um dasGesicht zu wahren, um "in Verhandlung"zu bleiben. Wer redet, sündigt nicht.

Das brasilianische Portugiesisch steckt voller jeitinho-Frasen, ja die Manie der Brasilianer, alles und jedes durch die grammatische Form der Verkleinerung zu "verniedlichen" ist im Grunde nichts anderes als eine permanente Verbalisierung des jeitinho.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass der jeitinho ein Ur-Elment der brasilianischen Nationalkultur darstellt, ja vielleicht sogar der Angelpunkt ist, um den sich die Gesellschaft dreht. Wie der wiener "Schmäh" ein Stück aus Österreich ist, so steht der jeitinho für Brasilien. Der Jeitinho ist der Marschallstab im Tornister eines jeden Brasilianers.

Lese jetzt weiter im Praxisbuch "Kulturschock Brasilien" von Carl Goerdeler.

 
 
Carl Goerdeler  

Carl D. Goerdeler, Jahrgang 1944, bereist seit zwanzig Jahren Lateinamerika, lebt in Rio de Janeiro und schreibt für zwei Dutzend deutsche Blätter. Er war zehn Jahre lang Korrespondent für die Die Zeit, er hat Reiseführer und Geschichten über einige Länder Lateinamerikas geschrieben und zuletzt die beiden Bände "Kulturschock Brasilien" und "Kulturschock Argentinien" verfasst. Seine Texte erschienen unter anderem in der Frankfurter Rundschau, GEO, National Geographic Magazin, BMW Magazin, Lufthansa-Magazin und im Wirtschaftsmagazin brandeins.

Nach dem Studium (Politik, Soziologie) in Berlin und München, der journalistischen Mitarbeit bei Gewerkschaften und einigen Jahren als freier Filmdproduzent (WDR) ging er als Labour-Attachee an die Dt. Botschaft nach Tokio, von da nach Brasilia. Seit 15 Jahren schreibt Carl D. Goerdeler Reportagen, Analysen und Kommentare über politische Vorgänge, wirtschaftliche Entwicklungen, kulturelle Ereignisse und Reiseziele in Lateinameika mit dem Schwerpunkt Brasilien.

Lateinamerika war und ist ein Kontinent europäischer Projektionen. Von "Eldorado" über "Che Guevara" bis zu den Yanomamis am Amazonas. Man muss schon genauer hinsehen, das zu erfassen, was die Menschen wirklich bewegt. Die Alltagsgeschichten sind es, die Carl D. Goerdeler faszinieren.

 
 

Copyright Carl D. Goerdeler, KulturSchock Argentinien, Reise-Know-How Verlag.

Südamerika Newsletter
Kundenmeinungen