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Versuch, Argentinien zu verstehen

Spätestens wenn man ins Taxi fällt, das zum Hotel fährt und im Stau steckt, wenn der Fahrer wild gestikulierend und ungeduldig in einem Kauderwelsch flucht, das nicht eher wie Italienisch singt, wenn man in einem der schwankendenn Fahrstühle mit den rostigen Spiegeln und messingbeschlagenen Gittern hochfährt, wenn man die schwere, feuchte Luft des Rio de la Plata atmet - spätestens dann wird man von Argentinien vereinnahmt. Und natürlich wird einem der Taxifahrer schon gefragt haben, wie einem dieses Land, das man gerade erst vor ein paar Minuten betreten hat, gefällt. Und er wird zu verstehen geben, dass in Argentinien die schönsten Frauen leben, die besten Steaks bruzzeln, die besten Fußsballer spielen und dass es überhaupt kein besseren Platz auf der Erde gäbe, wenn nicht die Politiker alle Diebe wäten.

Also stimmt es doch, dass die Argentinier von sich überzeugt sind, dass sie als arrogant gelten. Zum Stolz haben die Argentinier schon Grund genug, nicht nur wegen der generösen Natur, die ihnen nach dem Himalaja die höchsten Berge geschenkt hat. Auch kulturell kann sich das Land mit Höchstleistungen sehen lassen, vom Tango ganz abgesehen, der bekanntlich "ein trauriger Gedanke ist, den man tanzt".

Argentinier sind weder bescheiden noch leise. Ein permanenter Lärmpegel liegt über den grossen Städten, man treibt die Motoren auf höchtse Drehzahl, lässt die Bremsen kreischen, den Fernseher mit der Fußballspielübertragung für das ganze Viertel spielen, vor allem aber die Nachbarn im Restaurant an der lauten Unterhaltung teilhaben. Geschnatter, Geklapper, Gewisper - keine andere Nation scheint so mitteilungsbedürftig zu sein, ja geradezu leidenschaftlich den Klatsch, den Tratsch, die Lästerei zu frönen wie die Argentinier - übrigends ganz besonders die Herren der Schöpfung.

In Argentinien heißt es nicht nur plappern und gehört werden, sondern vor allem auch sehen und gesehen werden. Ausgehen und flanieren, so als ginge es über einen Laufsteg, gute Figur machen, was hergeben, sich darzustellen - das ist das Lebenselexier eines jeden Argentiniers. The show must go on. Argentinier sind keine Mauerblümchen, ganz im Gegenteil. Und: Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Wenn in anderen Teilen der Welt die braven Bürger längst im Tiefschlaf schlummern, machen sich die Argentinier zum Ausgehen fein. Die wichtigsten gesellschaftlichen Dates beginnen eigentlich alle erst nach Mitternacht. Und nachts um Drei sind die Avenidas der Innenstädte stärker bevölkert als nachmittags zur Siesta. Argentinier schlafen mit Sicherheit weniger als alle anderen Weltbürger. Man sieht es ihnen an den aschfalen Gesichtern und den Augenringen an. Nach einer Analyse der "Lateinamerikanischen Gesellschaft für Schlafforschung" aus dem Jahr 2003 leiden siebzig Prozent der Porteños unter Schlafstörungen und zu wenig Kulturschock Argentinien von Carl Goerdelernächtlicher Ruhe.

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Wie auch immer, der Reisende findet in Argentinien ein relativ sicheres und gut organisiertes Land vor. Vor Speiseeis und Feldsalat braucht sich kein Mensch zu fürchten, das Kranenwasser ist trinkbar, wenn auch stark gechlort. Und jedermann flaniert durch die Strassen, selbst tief in der Nacht, weil er sich nicht fürchten muss. die Gewaltkriminalität in Buenos Aires und den grossen Städten ist nicht viel schlimmer als in Europa.

Doch die tiefer liegenden Schichten, die Tragik und Tristesse wie auch in die Stärken dieses Landes, werden dem Besucher erst mit der Zeit erschlossen. Argentinien ist ein Rätsel - vor allem für die Argentinier selber.

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Carl Goerdeler  

Carl D. Goerdeler, Jahrgang 1944, bereist seit zwanzig Jahren Lateinamerika, lebt in Rio de Janeiro und schreibt für zwei Dutzend deutsche Blätter. Er war zehn Jahre lang Korrespondent für die Die Zeit, er hat Reiseführer und Geschichten über einige Länder Lateinamerikas geschrieben und zuletzt die beiden Bände "Kulturschock Brasilien" und "Kulturschock Argentinien" verfasst. Seine Texte erschienen unter anderem in der Frankfurter Rundschau, GEO, National Geographic Magazin, BMW Magazin, Lufthansa-Magazin und im Wirtschaftsmagazin brandeins.

Nach dem Studium (Politik, Soziologie) in Berlin und München, der journalistischen Mitarbeit bei Gewerkschaften und einigen Jahren als freier Filmdproduzent (WDR) ging er als Labour-Attachee an die Dt. Botschaft nach Tokio, von da nach Brasilia. Seit 15 Jahren schreibt Carl D. Goerdeler Reportagen, Analysen und Kommentare über politische Vorgänge, wirtschaftliche Entwicklungen, kulturelle Ereignisse und Reiseziele in Lateinameika mit dem Schwerpunkt Brasilien.

Lateinamerika war und ist ein Kontinent europäischer Projektionen. Von "Eldorado" über "Che Guevara" bis zu den Yanomamis am Amazonas. Man muss schon genauer hinsehen, das zu erfassen, was die Menschen wirklich bewegt. Die Alltagsgeschichten sind es, die Carl D. Goerdeler faszinieren.

 
 

Copyright Carl D. Goerdeler, KulturSchock Argentinien, Reise-Know-How Verlag.

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